Tunnelwirtschaft

Fliegender Händler, Brick Lane, London
Fliegender Händler, Brick Lane, London

Man kennt es ja, das ewig gleiche Spiel. Sei es nun am Plaza del Sol in Madrid , der Brick Lane in Londen oder jeder anderen Großstadt, die nciht in Süddeutschland liegt: Die fliegenden Händler sitzen am Straßenrand, lautstark ihre auf Decken am Boden ausgebreiteten Waren anpreisend. Kaum biegt ein Päärchen Polizisten um die Ecke werden die Händler von Wache haltenden Buben gewarnt und alles rafft Decken zusammen und rennt davon. Die Polizisten schlendern gemütlich weiter, biegen um die nächste Ecke, die Händler kehren zurück und das Spiel beginnt von vorne. Verkauft wird so ziemlich alles, von gefälschten Prada-Taschen über Raubkopierte CD/DVDs bis zu Plastikschmuck und Massagekrallen.

Banane, Brick Lane, fliegender Händler, London

Banane, Brick Lane, fliegender Händler, London

Gebrauchte BVG-Tickets

Ein wenig anders läuft das Spiel in Berliner U-Bahnschächten ab. Sobald man (mit Kaufabsicht) vor einen BVG-Automaten tritt wird man unterbrochen: “Brauchst du Tageskarte? Nur 4 Euro!” “Warum nicht?!?” (ich habe übrigens immer nur originale Tickets frisch aus dem Automaten gekauft oder bin Fahrrad gefahren). “Meine” Verkäuferin, nennen wir sie Leyla stand, zumindet die vergangene Woche über, zuverlässigst jeden Werktag am Nordeingang der U Schönleinstraße. Zeigt man Kaufabsicht zieht sie  einen dicken Stapel vermeintlich gültiger aktueller Tageskarten aus der Hosentasche und überreicht dem glücklichen unbedarften Käufer eine. Stellt sich nur die Frage, woher sie denn schon morgens um 11 Uhr so viele aktuelle aber gebrauchte Tageskarten hat. Natürlich wird mensch gelegentlich beim Verlassen der U-Bahnschächte auch gefragt ob man eine Einzel- oder Tageskarte zu verschenken hätte. Ich verschenke meine auch immer wenn ich sie nicht mehr benötige. Aber Tageskarten? Vormittags?

Berlin, Schönleinstraße, U-Bahn

Probleme und Konsequenzen?

Letztes Jahr fragte ich einen BVG-Kontrolleur, ob er wisse wo diese Karten denn herkämen. Er sagte die meisten seien gefälscht, ausradierte Stempel, Farbkopien oder gewachste Stempelfelder um Tagesstempel wieder abzukratzen. Er könne die gefälschten Tickets erkennen und müsse dafür Strafzettel verteilen.  Und das sei gar nicht lustig. Denn er meinte es gäbe nicht nur Ärger wegen Schwarzfahrens, sondern auch wegen Urkundenfälschung. Der Kauf und Verkauf gebrauchter Tickets sei verboten und würde verfolgt.

Nun ergab es sich aber gestern mittag, dass ich in der Schönleinstraße stand, nicht weit weg vom BVG-Automaten und Leyla. Ein paar Schritte weiter standen zwei BVG-Kontrolleure, die eifrig mit ihren Strafzettelverteilungsmaschinen spielten und herumblödelten (habe ich schonmal erwähnt dass die Kontrolleure in Berlin erstens besser hipper gekleidet sind als hier im Süden und zweitens viel freundlicher auftreten?). Nachdem die beiden mit mir in die selbe U-Bahn eingestiegen waren (und Leyla ausser Hörweite war) fragte ich sie, was sie denn von den Ticketverkäufern hielten und was die BVG unternähme. Die Antwort:

“Nichts. Was sollen wir denn machen?” und “Ist nicht meine Aufgabe, sie fährt ja nicht schwarz, ich bin nur zum Fahrkarten kontrollieren da. Die sind Sache der Polizei.”

Die BVG bekämpft also nur die Symptome, bzw. verdient sich Geld damit, unbedarfte Touristen, die auf vermeintliche 2 Euro Ersparnis hereinfallen, wiederum 40 Euro Schwarzfahrereigebühren abzunehmen.

Bekommen die BVG-Kontrolleure eigentlich Provisionen pro “erwischtem” Schwarzfahrer? Wenn ja dann wäre ja auch für sie die Verfolgung von Leyla geschäftsschädigend. Bleibt alles beim alten verdienen alle: Leyla ihren Lebensunterhalt, der Kontrolleur seine Provision und der Tourist an Erfahrung.

5 responses to “Tunnelwirtschaft

  1. Also ich weiss nicht wie du auf die Idee kommst, dass die Sicherheitsfirmen, die im Auftrag der BVG kontrollieren freundlicher sind, als im Süden. Ich habe es schon mehrmals gesehen (und zwar erst vor kurzem wieder), dass sie vermeintliche “Assis” gezielt nach den Fahrkarten kontrolliert haben und die anderen nicht (Bahnsteig + Ubahn). Erst durch Pöbeln unsererseits konnten wir dann die Kontrollettis dazu bringen, die anderen Fahrgäste zu kontrollieren. Sie kamen aber nicht weit, denn wie der Zufall es will, habe ich das Ticket nicht auf Anhieb gefunden – so ein Pech auch.

    Dass die Fahrkarten in der Mehrheit gefälscht sind, halte ich auch für ein Gerücht
    Freunde von Freunden kaufen die Tickets regelmäßig wahnsinnig gefälscht sehen die Stempel und der Rest eh nicht aus. Ich würde die Aussage eher als Angst-Macherei verstehen. Insb. die auf Thermopapier gedruckten Tickets sind nicht einfach zu fälschen.

    Und auch hier gab es mittags schon eine Tageskarte für ABC(!). Erstellt am Flughafen, morgens um 6 oder so, also wohl einfach nur ein Touri, der die Automaten nicht verstanden hat (soll es ja geben) und nach der Ankunft im Hotel (davon gibts ja eine Menge in B) resp. bei der Ubahn im Bezirk, das Ding verschenkt hat. Denn die Schwarzhaendler fragen nach allen Tickets, nehmen sie auch an sich und zerreissen sie gleich, wenn es sich um eine unverkaufbare Karte handelt.

    Und bei der S-Bahn ist alles eh nochmal anders, da gingen sie auch schon in 10er Trupps inkl. Hunden am Bahnsteig und S-Bahn entlang.

  2. Achja, und früher gab es eine Kopfprämie für die Angestellten des beauftragten Sicherheitsunternehmens. Wie auch bei den “zivilen” Kontrolleuren im DB-Nahverkehr.

  3. manchmal kann man auch angefangene wochenkarten bekommen die dann noch ein paar tage, oder eben noch einen tag gueltig sind. auch frueh morgens.
    das die groesstenteils gefälscht seien halte ich auch fuer ein gerücht und wer karten bei ‘Leyla’ kauft sollte doch selbst so schlau sein und vorher nochmal mitdenkend auf das ticket schauen ob es denn auch gültig ist.

  4. Also, mir ist dies nun gerade letzte Woche passiert, dass ich mir von einem Typen für 4 euro so eine Tageskarte gekauft habe und dann natürlich zwei Stationen partou “erwischt” wurde. Woran die Kontrolleure sehen konnten, dass dieses Ticket kopiert war, haben sie mir nicht gesagt. Als ich dann zwei Tage später zur BVG bin um mir das Ticket nochmal vorlegen zu lassen, meinte die Kollegin dort, dass es zur Überprüfung zu Experten ins Labor eingeschickt worden war. Wenn die das also erst mit Experten konkret feststellen können, dann frage ich mich, woher ich das so einfach hätte sehen können. Falls es als Fälschung feststeht, dann bekomme ich wohl eine Anzeige wegen Manipulation und nicht nur wegen Schwarzfahrens. Und falls es keine Fälschung ist (das wird sich diese Woche herausstellen) dann muss ich auch die 40 Euro nicht bezahlen, meinte die BVG Tante. Also scheint ja der Fakt an sich, dass ich mir von einem “lieben” Mitmenschen ein Ticket gekauft habe, nicht gleich “verboten” zu sein.

    • Hallo Martina, interessante Geschichte das it dem “Experten” im “Labor”. Ein (Tages)Ticket von einem lieben Menschen geschenkt bekommen oder weiterverschenken, oder es gar zu verkaufen ist leider trotzdem verboten:
      Beförderungsbedingungen der BVG in den VBB Tarifinformationen
      5.3.3 Tageskarten, Tageskarten Ermäßigungstarif, Tageskarte VBB-Gesamtnetz:

      Die entwerteten Tageskarten und die Tageskarten zum sofortigen Fahrtantritt sind nach Fahrtantritt nicht übertragbar.

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